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Wie Produktmanager:innen Produktsicherheit stärken: Vom Umgang mit Produktrisiken bis zur Risikobewertung

16. Februar 2026

Wie Produktmanager Produktsicherheit stärken – vom Nutzerrisiko bis zur Risikobewertung

Produktsicherheit entscheidet heute darüber, ob dein Produkt Vertrauen aufbaut, oder ob du im schlimmsten Fall Menschen gefährdest und dein Geschäft ruinierst. Die Erfahrung zeigt: Entwickler*innen denken oft in Worst-Case-Ketten, Vertrieb und Management in Umsatz und Time-to-Market, und Nutzende tragen am Ende die Folgen.

Die wirksame Antwort ist ein konsequentes, aber pragmatisches Risikomanagement, das du als Produktmanager*innen aktiv steuerst. Wenn du Produktrisiken, Nutzerrisiken und Prozessrisiken als zusammenhängendes System verstehst, kannst du Risiken sichtbar machen, realistisch bewerten und bewusst entscheiden, welche Restrisiken du akzeptierst und welche nicht.


Inhalt


Was Produktsicherheit aus PM-Sicht wirklich bedeutet

Definition von Produktsicherheit

Was bedeutet das aus Produktmanagement-Sicht:

Dein Produkt verursacht unter vorhersehbaren Bedingungen keinen unvertretbaren Schaden für Nutzende, Kund*innen oder Dritte über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg.

Entscheidend ist die Kombination aus Produkt, Mensch und Kontext:

Ein formal „sicheres“ System kann in einem ungünstigen Umfeld sehr unsichere Situationen erzeugen.

Produktsicherheit, Qualität und Compliance klar trennen

In vielen Organisationen verschwimmen Produktsicherheit, Qualität und Compliance.

Qualität beantwortet primär die Frage, ob das Produkt so funktioniert, wie versprochen.

Produktsicherheit fragt, ob die Nutzung deines Produkts zu Verletzungen oder psychischen Schäden führen kann.

Compliance stellt sicher, dass du gesetzliche und regulatorische Anforderungen erfüllst.  Sie garantiert aber nicht automatisch ein hohes Niveau an tatsächlicher sicherer Anwendung des Produkts.

Warum Bauchgefühl im Risikomanagement nicht reicht

Ohne strukturiertes Risikomanagement entsteht eine gefährliche Schieflage:

Entwickler*innen neigen dazu, extrem unwahrscheinliche Worst-Case-Szenarien zu konstruieren, während Vertrieb und Management Risiken eher kleinreden, um Time-to-Market und Umsatz nicht zu gefährden. Die Sicherheit des Produkts wird dann nach Bauchgefühl verhandelt.

Ein systematischer Ansatz schafft stattdessen gemeinsame Kriterien und Sprache, um Risiken zu erfassen, zu analysieren und später über die Risikobewertung bewusst zu entscheiden.


Warum Produktmanager*innen die heimlichen Risikomanager*innen sind

Produktmanagement im Spannungsfeld von Business, Technik und Sicherheit

Formal gibt es häufig Rollen wie Qualitätsmanagement, Regulatory Affairs oder Informationssicherheitsbeauftragte. In der Praxis beeinflusst aber vor allem das Produktmanagement, welche Nutzerrisiken tatsächlich entstehen:

Welche Features kommen in die Roadmap, wie komplex wird ein Workflow, welche Schutzmaßnahmen schaffen es ins Backlog und welche werden zugunsten von Geschwindigkeit gestrichen.

Verdeckte Risikoentscheidungen im Alltag

Du triffst ständig Risikoentscheidungen, ohne dass sie so benannt werden:

Wenn du ein riskantes Feature verschiebst, ein kritisches Monitoring nicht priorisierst oder ein vereinfachtes UX-Konzept zulässt, veränderst du das Risikoprofil deines Produkts.

Jede Entscheidung zu Scope, Architektur, UX, Daten oder Integrationen ist auch eine Entscheidung über die sichere Anwendung eines Produkts, Produktrisiken und die spätere Risikobewertung.

Die Erfahrung zeigt: Ohne klare Risikopolitik verhandelst du jedes Risiko neu

In der Praxis sehen wir, dass fehlende Risikopolitik dazu führt, dass jedes größere Ticket eine Grundsatzdiskussion auslöst:

„Ist das noch okay?“ vs. „Ist das zu gefährlich?“.

Produktmanager*innen werden dann zu Ad-hoc-Risikomanager*innen, die in jedem Refinement neue Kompromisse erfinden.

Besser ist:

Du nimmst die Rolle bewusst an, sorgst für klare Leitplanken und stellst sicher, dass Risikomanagement und die Sicherheit des Produkts integraler Bestandteil der Produktstrategie sind, nicht ein Anhängsel von Quality Assurance.

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Risikoarten im Überblick: Produkt, Nutzung, Prozess, Information

Produktrisiken als direkte Risiken des Produkts

Produktrisiken sind Risiken, die direkt vom Produkt selbst ausgehen, von der grundlegenden Architektur über einzelne Komponenten bis hin zu Schnittstellen, Parametern und Konfigurationen. Dazu gehören technische Fehlfunktionen, Designfehler, Toleranzprobleme oder unzureichende Schutzmechanismen. In regulierten Branchen sind diese Risiken eng mit Normen verknüpft, aber das Grundprinzip ist immer gleich:

Du bringst sicherheitsrelevante Risiken auf ein akzeptables Niveau und reduzierst sie fortlaufend.

Nutzerrisiken als Herzstück der Produktsicherheit

Nutzerrisiken entstehen aus der Interaktion zwischen Produkt, Mensch und Nutzungskontext. Sie sind oft der wichtigste Treiber für reale Produktsicherheit. Hier geht es um Fehlbedienung, Workarounds, Missverständnisse, kognitive Überlastung, fehlende Barrierefreiheit oder Stresssituationen. Fast alle sicherheitsrelevanten Vorfälle lassen sich auf eine Kombination aus technischem Zustand und Nutzerverhalten zurückführen. Wer Nutzerrisiken nicht explizit betrachtet, bekommt ein sicheres Produkt höchstens auf dem Papier.

Geschäfts- und Prozessrisiken als Rahmen für sichere Produkte

Geschäftsrisiken und Prozessrisiken betreffen deine Organisation:

falsche Strategie, unklare Ziele, schwache Prozesse, Ressourcenmangel, Compliance-Verstöße, finanzielle und reputationsbezogene Risiken. Ungesunde Prozesse führen fast zwangsläufig zu schlechteren Entscheidungen im Produktmanagement und damit zu höheren Produktrisiken und Nutzerrisiken.

Ein reifes Risikomanagement klassifiziert Prozesse nach ihrer Kritikalität und richtet Prüf- und Verbesserungsmechanismen danach aus.

Informationssicherheitsrisiken als Querschnittsrisiko

Informationssicherheitsrisiken umfassen Datenschutz, Datensicherheit und IT-Sicherheit:

Datenverlust, Datenmanipulation, Datenlecks, Cyberangriffe oder die Manipulation von Softwareprodukten. Diese Risiken sind heute eng mit der Sicherheit des Produkts verwoben.

Ein Sicherheitsvorfall kann direkt zu Schäden bei Nutzenden und zu massiven Geschäftsrisiken führen. Für dich als Produktmanager*innen bedeutet das: Informationssicherheit darf nicht nur ein „Security-Thema“ sein, sondern muss in deine Risikobetrachtungen und Risikobewertung einfließen.


Nutzerrisiken und Nutzerfehler: Der unterschätzte Haupttreiber

Was sind Nutzerrisiken?

Nutzerrisiken sind Risiken, die dadurch entstehen, wie Menschen dein Produkt in echten Situationen nutzen, mit begrenzter Aufmerksamkeit, unter Zeitdruck, mit Vorerfahrungen aus anderen Systemen und in Umgebungen, die du nur teilweise kontrollierst. Sie entstehen nicht, weil Nutzende „unfähig“ sind, sondern weil Produktdesign, Informationen und Kontext nicht zu den realen Arbeitsweisen passen.

Arten von Nutzerfehlern, die du kennen musst

Um Nutzerrisiken gezielt zu reduzieren, hilft eine klare Typisierung von Nutzerfehlern:

  • Versehentliche Fehlbedienung: Nutzende wählen versehentlich den falschen Button, geben einen Wert ins falsche Feld ein oder überspringen einen Schritt im Workflow.
  • Bewusste Regelabweichung (Workarounds): Menschen umgehen bewusst Vorgaben, weil der vorgesehene Weg zu langsam, zu kompliziert oder aus ihrer Sicht unpraktisch ist.
  • Missverständnisse durch UI oder Information: Unklare Begriffe, ähnliche Symbole, verwirrende Warnungen oder schlechte Lesbarkeit führen dazu, dass Nutzende glauben, korrekt zu handeln, objektiv aber einen Fehler erzeugen.
  • Vorhersehbare Fehlanwendung: Das Produkt wird auf eine Weise genutzt, die offiziell nicht vorgesehen ist, aber im Alltag naheliegt.
Das bild zeigt eine übersicht verschiedener nutzerfehler wie: wahrnehmungsfehler. Erkenntnisfehler, nutzungsfehler
Übersicht der verschiedenen Nutzungsfehler
Das bild zeigt eine übersicht zu abnormalem gebraucht, in der regel vorsätzlich
Übersicht zu abnormaler Gebrauch

Wie Gestaltung Nutzerrisiken verstärkt oder reduziert

Usability, Ergonomie, Barrierefreiheit und Workflow-Design sind entscheidend dafür, wie viele Nutzerfehler auftreten und wie schwer sie wiegen. Komplexe Masken, uneinheitliche Interaktion, fehlende Plausibilitätsprüfungen und rein textuelle Warnungen erhöhen Nutzerrisiken. Intuitive Workflows, sinnvolle Defaults, klare Fehlermeldungen, visuelle Hierarchien und redundante Sicherheitsmechanismen reduzieren sie. Produktsicherheit ist deshalb immer auch eine Frage von UX-Entscheidungen und nicht nur von Technik.

Vom Nutzerfehler zur Gefährdungssituation

Ein praxisnahes Muster, das sich bewährt hat: Starte nicht bei der Technik, sondern beim potenziellen Nutzerfehler und verfolge die Ereigniskette bis zum möglichen Schaden.

  • Nutzerfehler (z.B. falscher Wert, fehlende Bestätigung, ignorierter Alarm)
  • Ereigniskette im System (Was passiert technisch? Welche Folgeschritte sind möglich?)
  • Gefährdungssituation (In welcher konkreten Situation kann daraus ein Risiko für Menschen werden?)
  • Schaden (körperlich oder psychisch)
  • Schweregrad (Wie gravierend ist dieser Schaden?)

Auf Basis solcher Ketten kannst du Gefährdungssituationen systematisch sammeln, bewerten und später in die Risikobewertung und in konkrete Maßnahmen überführen. Genau hier entsteht echte Sicherheit. Nicht im abstrakten Normtext, sondern in der nüchternen Betrachtung, was echte Menschen mit deinem Produkt in echten Situationen tun.


Der Risikomanagementprozess im Produktlebenszyklus

Warum ein klarer Prozess unverzichtbar ist

Ein wirksames Risikomanagement für ein sicheres Produkt braucht einen festen Rahmen, sonst bleibt es bei isolierten Bewertungen und spontanen Bauchentscheidungen. In der Praxis hat sich ein zyklischer Prozess bewährt, der von einer übergeordneten Risikopolitik ausgeht und jede Produktentscheidung daran spiegelt. So stellst du sicher, dass Risiken nicht zufällig, sondern systematisch behandelt werden.​

Von der Risikopolitik zum operativen Risikomanagement

Über allem steht die Risikopolitik deiner Organisation:

Sie legt fest, welche Arten von Risiken akzeptabel sind, welche Schweregrade toleriert werden und wie risikofreudig oder -avers das Unternehmen agiert.

Externe Faktoren wie Gesetze, Standards oder Branchenerwartungen setzen dabei Mindestanforderungen, die du nicht unterschreiten darfst. Darunter liegt der operative Teil des Risikomanagements: konkrete Pläne, Analysen, Bewertungen, Maßnahmen und Nachweise, die du pro Produkt oder Release ausgestaltest.​

Der Zyklus im Überblick: Identifizieren, bewerten, steuern, prüfen

Ein vollständiger Risikomanagementprozess für Produktsicherheit umfasst mindestens folgende Schritte:

  • Risiken identifizieren (Produktrisiken, Nutzerrisiken, Prozess- und Informationssicherheitsrisiken)
  • Risiken analysieren (Ursachen, Ereignisketten, Gefährdungssituationen, mögliche Schäden)
  • Risikobewertung (Schweregrad, Eintrittswahrscheinlichkeit, Restrisiko im Vergleich zur Risikopolitik)
  • Risikosteuerung (Designänderungen, Schutzmaßnahmen, Informationen, organisatorische Maßnahmen)
  • Wirksamkeit prüfen (objektive Nachweise, Tests, Reviews, Monitoring)
  • Abschließende Bewertung der Restrisiken und Vergleich mit der Risikopolitik​

Dieser Zyklus wiederholt sich über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg, von der frühen Idee bis zur Stilllegung des Produkts.​

Verankerung im Produktlebenszyklus

Je nach Lebenszyklusphase hat Risikomanagement andere Schwerpunkte: In der Ideenfindungsphase geht es eher um grobe Risikoarten und kritische Nutzungsszenarien, während du in Entwicklung und Validierung konkrete Gefährdungssituationen und Maßnahmen definierst. Im Markt- und Betriebsbetrieb verschiebt sich der Fokus: Hier spielen Monitoring, Supporttickets, Vorfälle und Nutzungsdaten die Hauptrolle, aus denen du neue oder veränderte Risiken ableitest.

Wichtig ist, dass jede Phase klar definiert, welche Risikomanagementergebnisse vorliegen müssen, bevor du weitergehst.​

Rollen und Verantwortlichkeiten im Risikomanagement

Risikomanagement für Produkte ist immer Teamarbeit. Management definiert die Risikopolitik und stellt Ressourcen bereit, Qualitätsmanagement moderiert Prozesse und überwacht die Einhaltung, Regulatory Affairs bringt regulatorische Anforderungen ein und Datenschutzexpert*innen bewerten informationssicherheitsrelevante Risiken.

Produktmanager*innen halten die Fäden zusammen:

Sie sorgen dafür, dass relevante Risiken zu einem Produkt überhaupt auf den Tisch kommen, in Roadmap und Backlog berücksichtigt werden und die Risikobewertung Teil der Produktentscheidungen ist.​


Methoden-Toolbox: So identifizierst du Risiken systematisch

Warum du mehr brauchst als eine Excel-Liste

Viele Organisationen starten mit einer simplen Risikoliste und bleiben dort stehen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass du mit ein paar bewährten Methoden deutlich bessere und realistischere Einsichten in Sicherheit und in das Risiko zu einem Produkt bekommst. Die Kunst besteht nicht darin, alle Methoden gleichzeitig einzusetzen, sondern bewusst die passenden Werkzeuge für deine Fragestellung zu wählen.​

SWOT, Design-FMEA und Prozess-FMEA als Fundament

Die SWOT-Analyse hilft dir, strategische Risiken zu verstehen: Stärken und Schwächen deiner Organisation treffen auf externe Chancen und Bedrohungen. Daraus leitest du ab, wo Risiken entstehen und welche strategische Risikopolitik sinnvoll ist, etwa wie aggressiv du Produktinnovationen vorantreibst oder wie konservativ du bei Sicherheitsanforderungen bist.​

Die Design-FMEA fokussiert auf Produktrisiken: Für jede Funktion, Komponente oder Softwareeinheit betrachtest du „Wer“ (verursachende Stelle), „Wie“ (Fehlfunktion oder Fehlverhalten), „Was“ (Schaden) und „Warum“ (Kausalitätskette). So erkennst du, welche Designentscheidungen kritische Gefährdungssituationen erzeugen können und wo risikominimierende Maßnahmen notwendig sind.​

Die Prozess-FMEA betrachtet deine Abläufe, etwa Fertigung, CI/CD-Pipeline oder Betrieb, als Quelle von Risiken. Zusätzlich zu Schweregrad und Wahrscheinlichkeit kommt hier die Entdeckungswahrscheinlichkeit hinzu: Wie gut erkennst du, dass etwas schiefgelaufen ist, bevor Schaden entsteht? Aus diesen drei Größen ergibt sich eine Risikoprioritätszahl, die dir hilft, Prozessrisiken zu priorisieren und gezielt zu reduzieren.​

Risikomatrix, Fehlerbaumanalyse und Fehler-Ursachen-Analyse

Die Risikomatrix ist ein zentrales Werkzeug für die Bewertung: Sie stellt Schweregrad und Eintrittswahrscheinlichkeit gegenüber und macht schnell sichtbar, welche Kombinationen akzeptabel sind und welche nicht. Du kannst damit nicht nur einzelne Risiken bewerten, sondern auch Vorher-Nachher-Szenarien darstellen, wenn du Maßnahmen umgesetzt hast.​

Fehlerbaumanalyse und Fehler-Ursachen-Analyse (z.B. mit Ishikawa-Diagramm oder 5-Why) helfen dir, Ursachen und kritische Pfade systematisch zu verstehen. Statt nur Symptome zu sammeln, gehst du der Frage nach, welche Kombination von Fehlern (technischer Art und auf Nutzerseite) zu einer Gefährdungssituation führt. Besonders in Softwareprodukten kannst du so kritische Komponenten identifizieren, deren Ausfall oder Fehlverhalten zu hohen Risiken führt.​

Risikokarussell und Brainstorming für Team-Energie

Das Risikokarussell ist eine interaktive Methode, die du besonders gut für Nutzerrisiken einsetzen kannst. Du definierst ein Thema, etwa „Nutzerrisiken im Onboarding-Workflow“ und lässt Fachleute auf Klebezetteln mögliche Risiken oder Nutzerfehler sammeln, die reihum ergänzt werden. In weiteren Runden fokussierst du auf Kausalitätsketten, Gefährdungssituationen und Schäden, bevor du die Ergebnisse clustern und bewerten lässt.​

Klassisches Brainstorming unterstützt dich bei der unzensierten Generierung von Risiken, Ursachen und Maßnahmen, ohne sie sofort zu bewerten. Erst nach der Sammlung strukturierst und priorisierst du die Ideen, etwa durch Punktabstimmungen oder Risikokriterien. So kombinierst du die Kreativität des Teams mit der Struktur formaler Risikomanagement-Methoden.​

Gefahrensituationsliste als Brücke zwischen Nutzerrisiken und Produktrisiken

Eine Gefahrensituationsliste verbindet Nutzerrisiken und Produktrisiken auf sehr praktische Weise. Du erfasst typische Gefährdungssituationen mit Beschreibung, Nutzerfehlern, potenziellem Schaden und Schweregrad und lässt diese Liste durch fachliche Expert*innen validieren. In späteren Risikoanalysen verknüpfst du konkrete Risiken aus FMEA oder Fehlerbaumanalyse mit Einträgen aus dieser Liste. So verhinderst du, dass du entweder unrealistische Horrorszenarien konstruierst oder reale Nutzerrisiken übersiehst.​


Risikobewertung: Von Schweregrad und Wahrscheinlichkeit zu akzeptablen Restrisiken

Ziel der Risikobewertung

Risikobewertung ist der Schritt, in dem du entscheidest, welche Risiken du akzeptierst, welche du weiter reduzieren musst und welche du gar nicht eingehen darfst. Sie verbindet die fachliche Analyse von Risiken mit der Risikopolitik deiner Organisation und führt zu nachvollziehbaren Entscheidungen.​

Schweregrad und Eintrittswahrscheinlichkeit realistisch skalieren

Eine bewährte Praxis ist die Verwendung von fünfstufigen Skalen für Schweregrad und Eintrittswahrscheinlichkeit:​

  • Schweregrad: von vernachlässigbar (z.B. nur Unannehmlichkeit) über leicht und mäßig bis kritisch und katastrophal (Tod oder irreversible Schäden).​
  • Eintrittswahrscheinlichkeit: von sehr gering (praktisch nie) über gering, mittel und hoch bis sehr hoch (tritt bei fast jeder Nutzung auf).​

Wichtig ist, diese Stufen mit klaren Kriterien und, soweit möglich, objektiven Bandbreiten zu hinterlegen, etwa bezogen auf Nutzungen pro Jahr oder Produktlebensdauer. So vermeidest du, dass einzelne Stakeholder aus dem Bauch heraus „mittel“ oder „hoch“ vergeben, ohne dass alle das Gleiche darunter verstehen.​

Die Risikomatrix als Entscheidungswerkzeug

In der Risikomatrix kombinierst du Schweregrad und Eintrittswahrscheinlichkeit und definierst Zonen für akzeptable, grenzwertige und nicht akzeptable Risiken. Für jedes identifizierte Risiko trägst du den ursprünglichen („ungeminderten“) Zustand ein und bewertest anschließend, wie sich risikominimierende Maßnahmen auf die Einstufung auswirken. So wird Transparenz darüber geschaffen, welche Maßnahmen wirklich einen Sicherheitsgewinn bringen und wo Restrisiken verbleiben.​

Beispiel: Nutzerrisiko durch Fehlbedienung bewerten

Ein typisches Nutzerrisiko könnte sein, dass Nutzende einen kritischen Parameter im System falsch eingeben (etwa eine Dosis), einen Schwellenwert oder eine Dauer. Über die Ereigniskette entsteht eine Gefährdungssituation, in der dieser Fehler direkt zu einem gesundheitlichen Schaden führen kann. In der Risikobewertung schätzt du nun Schweregrad (z.B. kritisch) und Eintrittswahrscheinlichkeit (z.B. gering oder mittel, abhängig von UI und Kontext) und betrachtest anschließend, wie Maßnahmen wie Plausibilitätsprüfungen, Bestätigungsdialoge oder Alarmmechanismen das Risiko reduzieren.​

Restrisiko akzeptieren – oder nicht

Kein System ist frei von Restrisiken. Der entscheidende Punkt ist, dass du Restrisiken bewusst und nachvollziehbar akzeptierst und das im Einklang mit der Risikopolitik und dem Stand der Technik. Das bedeutet auch, dass du dokumentierst, welche Produktrisiken und Nutzerrisiken du nach der Risikobewertung für akzeptabel hältst, welche Maßnahmen du umgesetzt hast und warum du bestimmte Optionen verworfen hast. In reifen Organisationen wird diese Argumentation nicht versteckt, sondern aktiv kommuniziert, intern und, wo sinnvoll, auch gegenüber Kund*innen.​


Vom Risiko zur konkreten Anforderung: Produktsicherheit in Roadmap und Backlog verankern

Risikomanagementplan als verbindendes Element

Der Risikomanagementplan beschreibt, welche Aktivitäten du im nächsten Produkt- oder Releasezyklus durchführst, wer wofür verantwortlich ist und wie die Ergebnisse überprüft werden. Er enthält die spezifische Risikopolitik für das Produkt, Bewertungsmaßstäbe, Methoden und den Umgang mit Marktdaten und Nutzungsinformationen. Für dich als Produktmanager*innen ist er das Bindeglied zwischen abstraktem Risikomanagement und konkreter Arbeit in Roadmap und Backlog.​

Risikobeherrschungsmaßnahmen in Anforderungen übersetzen

Jedes nicht akzeptable Risiko führt zu mindestens einer risikobeherrschenden Maßnahme und jede Maßnahme sollte in Anforderungen und User Stories sichtbar werden. Typische Klassen von Maßnahmen sind:​

  • Inhärent sichere Gestaltung (z.B. robuste Defaults, Begrenzungen, sicherere Technologien)
  • Schutzmaßnahmen im System oder Umfeld (z.B. Prüfmechanismen, Monitoring, Alarme)
  • Informationen und Schulungen (z.B. Warnhinweise, Anleitungen, Training)

Als Produktmanager*in übersetzt du diese Maßnahmen in klare Anforderungen mit Akzeptanzkriterien und stellst sicher, dass sie nicht zugunsten „sichtbarer“ Features hintenüberfallen.

Nutzerrisiken gezielt in UX- und Workflow-Anforderungen abbilden

Bei Nutzerrisiken reicht es selten, nur Warntexte zu ergänzen. Stattdessen leitest du aus Nutzerfehlern konkrete UX- und Workflow-Anforderungen ab:

  • Nutzungsfehler: Falscher Wert eingegeben → Anforderung: Plausibilitätsprüfung mit deutlicher Fehlermeldung und Verhinderung der Fortsetzung.
  • Wahrnehmungsfehler: Alarm übersehen → Anforderung: visuell und akustisch eindeutig priorisierte Alarme, ggf. Quittierungspflicht.
  • Erkenntnisfehler: Schritt in komplexem Prozess übersprungen → Anforderung: geführter Workflow mit Zustandstracking und Checklistenfunktion.

So wird die sichere Anwendung des Produkts direkt in Gestaltung und Entwicklung verankert, statt nur in Dokumenten zu existieren.

Zeigt unterschiedliche arten von nutzerfehlern: erkenntnisfehler, wharnehmungsfehler und nutzungsfehler im kontext eines medizinproduktes
Zeigt die unterschiedlichen Arten von Nutzerfehlern

Objektive Nachweise einplanen

Risikomanagement endet nicht beim Schreiben von Anforderungen. Jede risikobeherrschende Maßnahme braucht objektive Nachweise: Tests, Dokumentenprüfungen, Zertifikate oder Monitoringdaten, die zeigen, dass die Maßnahme wirkt. Idealerweise verknüpfst du in deinem System Risiko, Maßnahme, Anforderung und Nachweis, damit auditierbar bleibt, wie du Risikobewertung in der täglichen Produktarbeit umsetzt.​


Artefakte & Governance: Plan, Bericht und kontinuierliche Risikoauswertung

Risikomanagementplan

Der Risikomanagementplan legt fest, wie du mit Risiken rund um ein Produkt oder einen Service in einem definierten Zeitraum, z.B. einem Release, Projekt oder Geschäftsjahr, umgehst. Er beschreibt:​

  • Ziele und Risikopolitik (welche Schweregrade und Wahrscheinlichkeiten sind akzeptabel, welche nicht).
  • Verantwortlichkeiten und Rollen im Risikomanagement.
  • Eingesetzte Methoden (z.B. FMEA, Risikomatrix, Fehlerbaumanalyse).
  • Kriterien für Risikobewertung (Skalen für Schweregrad und Eintrittswahrscheinlichkeit inkl. Beispielen).
  • Vorgehen zur Überprüfung der Wirksamkeit von Maßnahmen und zur Nutzung von Felddaten.​

Der Plan ist damit der Startpunkt: Er übersetzt die allgemeine Unternehmensstrategie in ein konkretes Vorgehen für Produktrisiken und Nutzerrisiken.

Risikomanagementbericht

Der Risikomanagementbericht fasst nach einem Zyklus oder Projekt die Ergebnisse des Risikomanagements zusammen. Er beantwortet komprimiert:​

  • Welche Risiken wurden identifiziert und bewertet?
  • Welche risikobeherrschenden Maßnahmen wurden umgesetzt?
  • Ist das Gesamt-Restrisiko im Rahmen der definierten Risikopolitik akzeptabel?
  • Welche Erkenntnisse aus Betrieb, Markt oder Nutzung erfordern Anpassungen bei bestehenden Risiken oder neuen Risiken?​

Der Bericht dient allen Stakeholdern als nachvollziehbare Basis, um zu sehen, wie Sicherheit und die Risiken des Produkts im betrachteten Zeitraum tatsächlich gesteuert wurden.

Kontinuierliche Risikoauswertung

Unabhängig von Plan und Bericht bleibt Risikoauswertung eine kontinuierliche Aufgabe. Daten aus Support, Beschwerden, Beinahe-Vorfällen, Audits oder Monitoring fließen laufend in die Bewertung von Produktrisiken und Nutzerrisiken ein. Viele Organisationen etablieren dafür mindestens eine jährliche Risikoauswertung, in der geprüft wird:​

  • Haben sich Wahrscheinlichkeiten oder Schweregrade geändert?
  • Sind neue Gefährdungssituationen sichtbar geworden?
  • Müssen Maßnahmen, Prozesse oder die Risikopolitik angepasst werden?​

Die kontinuierliche Risikoauswertung hält über den gesamten Produktlebenszyklus an und endet erst mit der Abkündigung des Produktes plus vom Hersteller definierte Produktnutzungszeit.

Governance heißt auch: Ressourcen und Grenzen klar machen

Eine ehrliche Risikoauswertung kann ergeben, dass du mit den vorhandenen Ressourcen nicht alle kritischen Prozesse und Risiken angemessen abdecken kannst. Dann ist es Aufgabe von Management und Produktmanagement, dies offen anzusprechen und entweder Ressourcen zu erhöhen, den Scope anzupassen oder bewusst höhere Restrisiken zu akzeptieren, dokumentiert und im Einklang mit der Risikopolitik. So wird Governance nicht zur Checkliste, sondern zu einem realen Führungsinstrument für Produktsicherheit.​


Häufige Fragen zu Produktsicherheit, Produktrisiken und Risikobewertung (FAQ)

Formal ist die Unternehmensleitung verantwortlich, weil sie Risikopolitik und Ressourcen festlegt. Operativ trägt das Produktmanagement einen großen Teil der Verantwortung, weil es Scope, Prioritäten und Kompromisse zwischen Business-Zielen und Produktsicherheit steuert. Gute Organisationen verteilen Verantwortung klar: Management für Rahmen und Ressourcen, Produktmanagement für Produktentscheidungen, Qualitätsmanagement/Regulatory Affairs für Methoden, Kontrolle und Anforderungen.

Du musst Methoden wie FMEA, Risikomatrix oder Fehlerbaumanalyse nicht im Detail „normkonform“ beherrschen, aber ihre Logik verstehen. Wichtig ist, dass du die richtigen Fragen stellst: Welche Produktrisiken und Nutzerrisiken sind kritisch? Welche Gefährdungssituationen entstehen? Wie bewerten wir Schweregrad und Eintrittswahrscheinlichkeit? Die detaillierte Methodik kann von QM-Expert*innen oder Spezialist*innen moderiert werden. Deine Aufgabe ist, Inhalte und Entscheidungen zu liefern.

Starte fokussiert: Wähle kritische Workflows oder Features und identifiziere gezielt Nutzerfehler und Gefährdungssituationen. Nutze dafür leichte Formate wie Risikokarussell, Brainstorming oder eine einfache Gefahrensituationsliste, statt gleich die volle FMEA-Wucht auszupacken. Dann leitest du aus den wichtigsten Nutzerrisiken konkrete UX-, Workflow- und Informationsanforderungen ab. So entsteht Schritt für Schritt ein fühlbarer Sicherheitsgewinn, ohne das Team mit Methodik zu blockieren.

Hier hilft Transparenz gekoppelt mit Struktur. Formuliere klar, welche Risiken identifiziert sind, wie die Risikobewertung (Schweregrad/Wahrscheinlichkeit) ausfällt und welche Optionen zur Risikominimierung existieren, inklusive Aufwand und Rest-Risiko. Wenn Restrisiken trotz klarer Darstellung bewusst akzeptiert werden sollen, fordere eine explizite Entscheidung und Dokumentation ein. So machst du sichtbar, dass nicht „niemand zuständig“ ist, sondern eine bewusste Risikoentscheidung getroffen wurde.

Bau auf dem Bestehenden auf, statt alles zu verwerfen. Ergänze die Liste zunächst um ein paar Kernspalten: Risikoart (Produkt, Nutzer, Prozess, Information), Gefährdungssituation, Schaden, Schweregrad, Eintrittswahrscheinlichkeit, geplante Maßnahmen. Dann wählst du einen priorisierten Produktbereich und gehst dort etwas tiefer, zum Beispiel mit einer leichten Design-FMEA oder einer strukturierten Gefahrensituationsliste. Parallel definierst du eine einfache Risikopolitik (z.B. was ist „nicht akzeptabel“), damit Entscheidungen nicht im luftleeren Raum getroffen werden.

Behandle Informationssicherheitsrisiken nicht als reines IT- oder Security-Thema, sondern als Teil deiner Produktsicherheit. Nimm sie als eigene Risikoart in deine Analysen auf und frage explizit: Welche Schäden können aus Datenverlust, Manipulation oder Cyberangriffen für Nutzende und das Geschäft entstehen? Dann bewertest du diese Risiken mit denselben Mechanismen wie andere Produktrisiken: Gefährdungssituation, Schaden, Schweregrad, Eintrittswahrscheinlichkeit, Maßnahmen. Security-Expert*innen liefern Inhalte und Gegenmaßnahmen, du sorgst dafür, dass sie in Produktentscheidungen und Roadmap ankommen.


Weiterführende Ressourcen für dein Risikomanagement

  • Agil am Limit – Jonathan von Wittern (Buch): weiterführende Erläuterungen zu Risikomanagement, Produktrisiken und dem Zusammenspiel von agiler Entwicklung und regulatorischen Anforderungen finden sich insbesondere im 9. Kapitel „Risikomanagement“ des Buches. 
  • ISO 14971 – Risikomanagement für Medizinprodukte
    Bietet einen detaillierten Rahmen, wie sicherheitsrelevante Produktrisiken über den gesamten Lebenszyklus hinweg identifiziert, bewertet und gesteuert werden können – viele Prinzipien sind auf andere Domänen übertragbar.
  • ISO 31000 – Leitfaden für Risikomanagement
    Beschreibt allgemeine Grundsätze, Rahmenbedingungen und Prozesse für Risikomanagement in Organisationen und eignet sich als übergeordneter Referenzrahmen für dein eigenes Setup.
  • ISO 27001 / ISO 27005 – Informationssicherheitsrisiken
    Legen Anforderungen und Leitlinien zum Umgang mit Informationssicherheitsrisiken fest und helfen dir, Datenschutz, Datensicherheit und IT-Sicherheit systematisch in Produktsicherheit einzubetten.

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