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Kundenzentriertes Produktmanagement: So führst du dein Produkt aus dem „Product Death Cycle“

19. Februar 2026

Oder die Frage: Was passiert eigentlich im Innovationstrichter?

80–95% aller neuen Produkte scheitern im ersten Jahr, eine Zahl, die in der Produktentwicklung wie ein Schreckgespenst umgeht. Schlimmer noch: 72% dieser gescheiterten Produkte teilten ein gemeinsames Schicksal, ihre Teams hatten Kundenfeedback während der gesamten Entwicklung konsequent ignoriert. Das ist nicht nur eine Statistik, es ist ein Warnsignal für deine eigene Produktentwicklung.

Die meisten Teams fallen dabei in die gleiche tödliche Falle: Sie bauen Features, die niemand nutzt. Die Nutzer*innen sind nicht engagiert, also fragen sie nach neuen Features. Das Team baut diese Features. Aber wieder, keine Nutzung. Dieser Kreislauf ist der Product Death Cycle, und er zerstört nicht nur Produkte, sondern auch Teams, Budgets und Innovationskraft.

Die gute Nachricht? Es gibt einen bewährten Ausweg. Kundenzentriertes Produktmanagementist nicht bloß ein Buzzword, es ist ein strukturierter, wissenschaftlich gestützter Ansatz, der nachweislich funktioniert. Unternehmen, die echte Kundenzentrierung praktizieren, wachsen 4–8% schneller als ihre Konkurrenz und erzielen die doppelte Revenue-Growth ihrer weniger kundenorientierten Peers. Doch nur 14% aller Organisationen führen Customer-Centricity wirklich effektiv durch.

In diesem Artikel erfährst du, was der Product Death Cycle ist, warum er entsteht, und am wichtigsten, wie du ihn durchbrichst.



Was ist der Product Death Cycle und warum scheitern 80–95% aller Produkte?

Der Product Death Cycle ist ein Teufelskreis, in den Teams unwissentlich stolpern, meist dann, wenn sie beginnen, auf Kundenfeedback zu reagieren, ohne dabei strategisch die eigentliche Problemstellung zu analysieren. Der Zyklus folgt einer bestechend einfachen, aber destruktiven Logik:

Keine Nutzung → Feedback nach Features → Features bauen → Keine Nutzung (wieder).

Auf den ersten Blick wirkt diese Logik plausibel. Nutzer*innen engagieren sich nicht wie erhofft? Natürlich fragst du sie, was fehlt. Sie schlagen Features vor. In dem Versuch, sie zufriedenzustellen und das Engagement zu steigern, baust du genau diese Features. Aber dann kommt die frustrierende Realität: Die glänzenden neuen Features ändern nichts daran, dass Nutzer*innen immer noch nicht engagiert sind. Ihre Nutzung stagniert, oder wird noch schlimmer.

Die vier Phasen des Product Death Cycle:

  1. Keine Nutzung: Dein Produkt ist live, aber Nutzer*innen engagieren sich nicht. Features werden kaum verwendet. Die logische Schlussfolgerung: Es fehlen noch Features.
  2. Features anfragen: Das Team fragt Nutzer*innen: „Was braucht ihr noch?“ Nutzer*innen geben spontane Antworten, sie nennen Features, die verlockend klingen, ohne das eigentliche Problem zu artikulieren. Das Team erhält Feature-Wünsche statt echte Problemanalyse.
  3. Features bauen: Nach Feedback-Sammlung beginnt die Entwicklung. Ressourcen werden investiert, Teams arbeiten intensiv, häufig mit der stillen Annahme, dass diese Features den entscheidenden Durchbruch bringen.
  4. Keine Nutzung (erneut): Die neuen Features werden gelauncht, und Nutzer*innen nutzen sie kaum. Der Kreislauf beginnt von vorne: mehr Feedback sammeln, mehr Features bauen. Das Produkt wird zur verworrenen, überladenen Komplexität, unübersichtlich und kaum noch bedienbar.

Warum der Product Death Cycle so gefährlich ist

Das liegt am fundamentalen Missverständnis, was Nutzer*innen wirklich brauchen gegenüber dem, was sie sagen. Viele Teams verfallen in die Falle anzunehmen, dass direktes Handeln auf Kundenfeedback der schnellste Weg zur Lösung ist.

Doch was ignoriert wird, ist, dass Feedback oft reaktiv ist, es führt zu taktischen, kurzfristigen Entscheidungen statt zu strategischer, langfristiger Produktentwicklung. Teams hören oberflächliche Beschwerden an, ohne zu verstehen, warum Nutzer*innen überhaupt nicht engagiert sind.

Die harten Zahlen sprechen Bände: 64% aller Software-Features werden von Nutzer*innen nie oder nur minimal genutzt. Pendo-Daten zeigen, dass 80% der Features nur eine kleine Fraktion der Nutzer*innen verwenden. Und 45% Software-Features werden selten oder gar nicht genutzt. Diese Features entstanden nicht aus dem Nichts, sie waren Response auf Feedback, Feature-Requests, oder interne Vermutungen.

In der Praxis sehen wir immer wieder, dass Teams verwechseln, was es bedeutet, Kund*innen zu befragen, mit dem, was echte Kundenzentrierung ist. Der Unterschied ist fundamental. Befragung ist eine Taktik, Kundenzentrierung ist eine Strategie.


Kennst du die Underpants Gnomes aus der Serie Southpark?

Underpants Gnomes, Quelle: Southpark

In Southpark passieren seltsame Dinge. Die Unterwäsche verschwindet einfach so. Das verursacht natürlich große Verwirrung und Probleme, denn die Leute haben keine frische Unterwäsche mehr im Schrank. Grund für das mysteriöse Verschwinden der Unterwäsche sind die Underpant Gnomes, die sich das Stehlen der Unterwäsche zur Mission gemacht haben. 

In ihrer Höhle sitzen sie auf einem riesigen Berg an Unterwäsche und freuen sich über ihren „Erfolg“. Die Southpark-Jungs, die der Sache auf den Grund gegangen sind, sind verwirrt und fragen, warum sie denn so viel Unterwäsche sammeln. 

Der Business-Gnom erläutert zur Antwort den Business-Plan: In Phase 1 wird Unterwäsche gesammelt. Dann kommt Phase 2 und in Phase 3 machen wir Profit. 

Klingt absurd? Genau das ist der Product Death Cycle:

  • Teams sammeln Features (Phase 1)
  • haben keine Strategie für echtes Kundenverständnis (Phase 2 fehlt komplett)
  • und erwarten trotzdem Erfolg (Phase 3)

Der Berg an ungenutzten Features wächst – genau wie der Unterwäsche-Berg der Gnome.


Die Kosten des Scheiterns: Zahlen, die aufhorchen lassen

Der Product Death Cycle kostet nicht nur Zeit und Budget, er zerstört Karrieren, demoralisierten Teams und gefährdet die Existenz von Produkten und Unternehmen.

Wirtschaftliche Dimension: In den USA verlieren Unternehmen jährlich 75 Milliarden Euro durch schlechte Customer Experience. Das ist nicht die Summe gescheiterter Produkte allein, es ist die Summe verlorenen Wachstums, verschwendeter Innovation und vertriebener Kunden*innen durch Produkte, die nicht liefern.

28% der Produktlaunches erfüllen die Management-Erwartungen überhaupt nicht. Noch schlimmer: 35% der Unternehmen fügen Features nur deshalb ein, weil der Sales-Vertrieb damit einen Deal abschließen will, nicht weil sie echten Kundenwert schaffen.

Die immateriellen Kosten sind ebenso verheerend:

  • Team-Morale: Wenn Teams kontinuierlich an Features arbeiten, die nicht zur Engagement-Steigerung führen, setzt Frustration ein. Entwickler*innen und Designer*innen fühlen sich entleert, weil ihre Hard Work keine Ergebnisse bringt. Der Burnout folgt. Der Innovationsgeist stirbt.
  • Product-Market-Fit: Während Teams Features hinzufügen, entfernt sich das Produkt oft weiter von dem, wofür es gedacht war. Ein fokussiertes, problemlösendes Produkt wird zur vielseitigen Plattform, die niemandem wirklich dient. Die Core-Audience verschwindet, neue Nutzer*innen kommen nicht hinzu.
  • Business-Wachstum: Ohne echten Product-Market-Fit wird Skalierung zur Sisyphus-Aufgabe. Das Produkt resoniert nicht mehr mit Nutzer*innen, die Customer-Acquisition-Kosten steigen, Churn wächst. Das Wachstum stockt.

Die Botschaft ist klar: Der Product Death Cycle ist nicht nur eine Produktmanagement-Herausforderung, es ist ein Business-Notsignal.


Was bedeutet kundenzentriertes Produktmanagement wirklich?

Kundenzentriertes Produktmanagement wird oft mit „Kunden*innen befragen“ gleichgesetzt. Das ist zu kurz gegriffen.

Definition: Kundenzentriertes Produktmanagement bedeutet, dass deine gesamte Produktentwicklung vom Strategy bis zum Backlog bis zum Post-Launch auf dem echten Verständnis von Kundenproblemen, Bedürfnissen und Jobs basiert. Es geht nicht darum, jeden Feature-Request umzusetzen. Es geht darum, die zugrundeliegenden Probleme zu verstehen und die beste Lösung zu finden, oft ist es nicht die, die der Kunde vorschlägt. Kundenzentrierung operiert auf drei Ebenen:

  1. Strategisch: Deine Product Vision und deine Entscheidungslogik basieren auf Kundenproblemen, nicht auf interner Vermutung oder Technik.
  2. Operativ: Du sprichst kontinuierlich mit Kunden*innen (wöchentlich, nicht jährlich). Du validierst Annahmen. Du misst nicht Features, sondern Outcomes.
  3. Kulturell: Kundenzentrierung ist nicht nur PM-Sache, es durchzieht die ganze Organisation. Designer*innen, Engineer*innen, auch Marketing und Support denken vom Kunden her.

Der deutsche Status Quo ist bedenklich: Laut der adesso-Kundenzentrierungs-Studie 2024 haben 53% deutsche Unternehmen ihre Customer-Centricity-Strategie gar nicht oder nur teilweise verankert. Noch bemerkenswerter: 77% der Befragten glauben bereits, gut oder exzellent aufgestellt zu sein, eine klassische Kompetenz-Illusion.

Nur 32% verfügen über eine echte 360-Grad-Sicht auf ihre Kundendaten. Noch weniger (18%) glauben, eine exzellente Omnichannel-Integration zu haben. Auf Deutsch: Viele Unternehmen denken, sie sind kundenorientiert, haben aber weder die Daten noch die Prozesse, um es wirklich zu sein.

Kundenzentriertes Produktmanagement ist das Gegenteil von Feature-Listen-abhängigkeit: Es bedeutet, die echten Probleme zu verstehen, kontinuierlich zu validieren, und Lösungen zu bauen, die tatsächlich Nutzer engagieren, nicht Lösungen, die es hätte geben können.

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Der Gegenentwurf: Wie Kundenzentrierung den Death Cycle durchbricht

Während der Product Death Cycle aus reaktiven, feature-getriebenen Entscheidungen entsteht, zeichnet sich kundenzentriertes Produktmanagement durch proaktives, problemorientiertes Arbeiten aus.

Die Revenue-Impact-Zahlen sind überwältigend:

  • Kundenzentrische Unternehmen wachsen 4–8% schneller als ihre Konkurrenz​
  • Sie erzielen 2x Revenue Growth im Vergleich zu weniger kundenorientierten Peers​
  • Sie generieren 60% höhere Profite

Und doch: Nur 15% aller Befragten integrieren Kunden-Insights konsistent in ihre Entscheidungen. Nur 23% engagieren sich regelmäßig mit Kunden, um Wert zu gewährleisten. Das ist eine massive Opportunity Gap.

Wie Kundenzentrierung den Product Death Cycle durchbricht

1. Fokus auf Root Causes, nicht oberflächliche Symptome

Der Death Cycle entsteht, weil Teams Symptome behandeln (Nutzer sagen „Feature X fehlt“) statt Root Causes (Warum sind diese Nutzer*innen überhaupt nicht engagiert?). Kundenzentrierte Teams graben tiefer. Sie stellen die 5 Whys, führen User Research durch, und suchen das eigentliche Problem.

2. Continuous Discovery statt jährlicher Befragungen

Feature-driven Teams fragen Kunden*innen einmal pro Jahr oder bei Feature-Requests. Kundenzentrierte Teams haben wöchentliche Touchpoints. Teresa Torres nennt dies Continuous Discovery Habits, es ist der Standard für empowered Product Teams. Diese wöchentlichen Sitzungen bauen Intuition auf und verhindern Feature-Überladung, bevor es beginnt.

3. Outcome-Orientierung statt Output-Denken

Der Death Cycle misst Erfolg in „Features shipped“. Kundenzentrierte Teams fragen fundamental anders: Löst unser Produkt das Kundenproblem besser? Kann der Kunde seine Aufgabe schneller erledigen? Macht er weniger Fehler? Braucht er weniger Workarounds? Engagement-Kennzahlen sind Indikatoren, nicht das Ziel.

4. Jobs-to-be-Done statt Feature-Listen

Anstatt zu fragen „Was willst du?“, fragen kundenzentrierte Teams „Was ist der Job, den du versucht hast, zu erledigen?“ Das Jobs-to-be-Done Framework (Clayton Christensen) hilft, die echte Motivation zu verstehen. Ein berühmtes Beispiel: Kunden*innen wollten nicht „schnellere Bohrmaschinen“, sie wollten „größere Löcher“. Der Job war Löcher bohren, nicht Bohrmaschinen kaufen.

Die Tabelle verdeutlicht den Gegensatz:

Feature-Driven ApproachCustomer-Centric Approach
„Welche Features fehlen?“„Welches Problem lösen wir?“
Roadmap = Feature-ListeRoadmap = Problem-Hypothesen + Validierungsplan
Success = Features shippedSuccess = Kundenproblem besser gelöst
Feedback einmal pro JahrWöchentlicher Kundenkontakt
PM entscheidet FeaturesProdukt Team (PM/Design/Engineer) in Discovery
Build → Launch → HoffenDiscover → Hypothesis → Build → Test → Learn

Kundenzentrierte Produkt Teams fragen nicht „Was wollen Kunden?“, sondern „Warum brauchen sie es, und wie können wir wissen, dass unsere Lösung wirklich funktioniert?“ Der Unterschied zwischen dieser einen Frage ist das Unterschied zwischen Produkten, die den Product Death Cycle durchbrechen, und Produkten, die in ihm verfallen.


Die 6 Säulen kundenzentrierten Produktmanagements

Der Gegensatz zur Feature-Factory-Mentalität ist nicht einfach eine bessere Einstellung, es sind strukturierte, bewährte Praktiken. Die folgenden sechs Säulen sind die Bausteine, auf denen empowered, kundenzentrierte Teams ihre Produktentwicklung aufbauen.

Säule 1: Continuous Discovery, Kundenzentrierung wird zur Gewohnheit

Säule 1: Continuous Discovery, Kundenzentrierung wird zur Gewohnheit

Continuous Discovery ist nicht „Kundenbefragung als Projekt“. Es ist wöchentlicher Rhythmus. Es ist Gewohnheit. Teresa Torres, eine der führenden Autorinnen zu diesem Thema, definiert es prägnant:

Kontinuierliche Discovery sind wöchentliche Touchpoints mit Kunden durch das Team, das das Produkt baut, mit kleinen Forschungsaktivitäten im Dienst eines gewünschten Produktergebnisses.

Das klingt einfach, ist es aber nicht. Das Geheimnis liegt im Wörtchen „wöchentlich“. Nicht jährlich. Nicht monatlich. Wöchentlich.

Warum dieser Rhythmus? Weil Produktentscheidungen täglich getroffen werden, kleine wie große. Discovery ist nicht bloß eine Phase am Anfang eines Projekts. Discovery ist kontinuierliche Input in deine Entscheidungen. Mit einem wöchentlichen Touchpoint reduzierst du die Zeit zwischen Frage und Antwort radikal. Du vermeidest, Kunden mit einem Berg von Fragen zu überlasten. Du kannst schneller iterieren.

Entscheidend ist: Das gesamte Produkt Team, Product Manager, Designer und Engineer, muss bei den Kundengesprächen dabei sein. Das lässt sich nicht delegieren. Wenn nur der PM mit Kunden spricht und die Erkenntnisse danach den anderen berichtet, gehen Kontext, Intuition und Nuancen verloren.

Wenn alle drei Rollen gemeinsam zuhören, entsteht echtes gemeinsames Verständnis. Die technische Perspektive identifiziert Machbarkeitsprobleme früh. Der Designer hört direkt, wie Kunden denken und sprechen. Der PM ist nicht der alleinige Interpret der Kundenstimme.

Praktischer Start: Plant zwei bis drei Kundeninterviews pro Woche. Rotiert durch Team-Mitglieder. Blockiert 30 Minuten nach jedem Interview für Synthese.

Säule 2: Jobs-to-be-Done Framework, Vom Feature zur echten Problemlösung

Das Jobs-to-be-Done (JTBD) Framework, popularisiert von Clayton Christensen, ist der Gegenentwurf zum Feature-Zettel. Es adressiert die zentrale Frage: Was ist der echte Job, den der Kunde erledigen will?

Viele Teams verwechseln, was Kunden sagen mit dem, was sie brauchen. Ein berühmtes Beispiel: Kunden fragten nicht nach „schnelleren Bohrmaschinen“, sie wollten „größere Löcher“. Der Job war Löcher bohren, nicht Bohrmaschinen kaufen.

JTBD umfasst drei Dimensionen:

  1. Functional Job: Das praktische Problem. „Ich muss Löcher in Wände bohren.“
  2. Emotional Job: Wie sich der Kunde dabei fühlen will. „Ich möchte mich kompetent und stolz fühlen.“
  3. Social Job: Der soziale Kontext. „Ich möchte als jemand wahrgenommen werden, der handwerklich geschickt ist.“

Die Kraft von JTBD liegt in der Priorisierung. Nicht „Welche Features sollen wir bauen?“, sondern „Welche Jobs sind für unsere Kernnutzer am wichtigsten, und welche sind schlecht gelöst?“ Das führt zu fokussierten und bedeutungsvollen Features statt zu Feature-Bloat.

Säule 3: Outcome-Driven statt Output-Driven, Von Features zu echter Problemlösung

Das sind zwei fundamental unterschiedliche Denkweisen:

  • Output-Driven: „Wir haben 12 Features dieses Quartal ausgeliefert.“
  • Outcome-Driven: „Wir haben das Problem unserer Kunden gelöst.“

Marty Cagan nennt diese Unterscheidung das Merkmal empowered product teams. Solche Teams sind nicht nach Features accountable, sondern danach, ob sie das Kundenproblem wirklich gelöst haben. Sie bekommen ein Problem zu lösen, keine Feature-Liste zum Abhaken.

Ein Beispiel macht den Unterschied klar:

  • Output-Driven: „Wir bauen ein noch leistungsstärkeres MRT mit höherer Auflösung und schnelleren Scan-Zeiten.“
  • Outcome-Driven: „Kinder in der Pädiatrie haben massive Angst vor MRT-Untersuchungen. Das führt zu abgebrochenen Scans, Sedierung und schlechteren Diagnosen. Wir lösen dieses Problem.“ Das Ergebnis: Kinderfreundliche MRT-Designs mit bunten Themen-Welten (Piratenschiff, Weltraum), kindgerechte Größen, leisere Geräusche. Das Outcome: Kinder schaffen Untersuchungen ohne Sedierung, Eltern sind entlastet, Kliniken sparen Kosten, Diagnosequalität steigt.
Quelle: GE Healthcare

Der Unterschied: Output fragt „Welche technischen Specs verbessern wir?“, Outcome fragt „Welches Problem lösen wir für wen?“

Warnung vor KPI-Theater: Viele Teams glauben, „Retention um 15% erhöhen“ sei Outcome-Denken. Das ist falsch. Das ist Output-Denken mit anderen Kennzahlen.

Echte Outcomes sind Problemlösungsqualität: Kann der Kunde seine Aufgabe besser erledigen? Sind seine Schmerzen gelindert?

Säule 4: Der Innovationstrichter, Von Idee zu validiertem Problem

Nicht jede Idee sollte zur Entwicklung werden. Der Innovationstrichter ist die Struktur, um zu unterscheiden, was ein echtes Kundenproblem ist und was nur Wunschdenken.

Der Trichter hat vier Stufen:

  1. Ideen sammeln: Aus Kundengesprächen, Datenanalyse, Team-Vorschlägen, ohne Filter
  2. Validierung: Die kritische Stufe. Ist das ein echtes Problem? Leiden Kunden darunter? Wollen sie es gelöst haben? Hier werden 70–80% der Ideen aussortiert
  3. Prototyping: Nur validierte Probleme kommen hierher. Baue einen einfachen Prototype, nicht die volle Lösung
  4. Entwicklung & Launch: Nur wenn der Prototype zeigt, dass die Lösung funktioniert

Das ist nicht akademisch, das spart massiv Ressourcen. Unternehmen mit reifer Innovationstrichter-Praxis sparen tausende Entwickler-Stunden, weil sie nicht an „Lösungen“ für nicht-existente Probleme bauen.

Die ROI-Zahlen: 71–107% Return auf Innovation-Investitionen bei strukturiertem Vorgehen. Viele Projekte verdreifachen ihre anfängliche Investition.

Säule 5: Customer Feedback Loops – „Was passierte mit meinem Feedback?

Eine der meistgehassten Erfahrungen von Kunden*innen: Sie geben Feedback, nichts passiert sichtbar, sie verlieren das Vertrauen.

Ein robuster Feedback Loop hat 6 Schritte:

  1. Sammeln: Automatisiert (In-App Widget, Surveys) + Direkt (Interviews, Support Tickets)
  2. Bestätigen: „Danke, wir haben dein Feedback erhalten“
  3. Analysieren: Cluster ähnliches Feedback. Priorisieren nach Impact.
  4. Umsetzen: Feedback in Aktion übersetzen (Build, Process Change, etc.)
  5. Kommunizieren: „Du hast gesagt X, wir haben Y gemacht“, Explizit Feedback-Geber nennen
  6. Wiederholen: Loop läuft weiter

Der häufigste Fehler: Schritte 1–3 sind großartig, aber Schritte 5–6 werden ignoriert. Kunden sehen nie, dass ihr Feedback etwas bewirkte.

Die beste Feedback Loop ist die, die der Kunde sieht, wenn Unternehmen transparent kommunizieren, was sie mit Kunden-Insights machen, entsteht echte Kundenzentrierung.

Säule 6: Kontinuierliche Marktbeobachtung, Lernen nach dem Launch

HiPPO = Highest Paid Person’s Opinion. In vielen Teams entscheiden Senior Leader nach Bauchgefühl, nicht nach Evidenz.

Kundenzentrierte Teams arbeiten evidenzbasiert, aber nicht nur mit Dashboard-Kennzahlen. Sie nutzen Post-Market Surveillance (Marktüberwachung nach Launch), ein Konzept aus regulierten Industrien wie Medizintechnik, Pharma und Automotive.

Was ist Post-Market Surveillance?

Nach dem Produktlaunch sammeln Teams systematisch Daten darüber, wie das Produkt in der realen Anwendung funktioniert:

  • Reklamationen & Beschwerden: Was funktioniert nicht wie erwartet?
  • Anwendungsbeobachtung: Wie nutzen Kund*innen das Produkt wirklich (versus wie es designed wurde)?
  • Unerwartete Probleme: Wo entstehen unerwartete Schwierigkeiten oder Risiken?
  • Field Performance: Hält das Produkt, was es verspricht, unter echten Bedingungen?

In Medizintechnik ist das gesetzlich vorgeschrieben. Aber das Prinzip gilt für jedes Produkt: Nach dem Launch beginnt das echte Lernen.

Beispiel Medizintechnik: Ein Infusionspumpen-Hersteller launcht ein Gerät. Post-Market-Daten zeigen: Pflegekräfte machen systematisch Eingabefehler bei Nachtschichten (schlechte Beleuchtung + müde). Das Problem war im Labor nicht sichtbar. Ergebnis: Redesign der UI mit besserem Kontrast und Fehlerprävention.

Beispiel Automotive: Tesla nutzt kontinuierliche Flottendaten, um Software-Updates zu validieren. Nicht „Wie viele Nutzer aktivieren Feature X?“, sondern „Reduziert das Update Unfallrisiken? Verbessert es die Bremsleistung?“

Was du wirklich tracken solltest:

  • Anwendungsfehler: Wo machen Nutzer*innen systematisch Fehler (bei Wahrnehmung, Erkenntnis und Interaktion)?
  • Workarounds: Welche kreativen Umwege nehmen Kund*innen, um dein Produkt nutzbar zu machen (zeigt, wo deine Lösung versagt)?
  • Reklamationen & Support-Tickets: Nicht als „Kundenbeschwerden“ abtun, das sind Goldminen für Produktverbesserung
  • Field Failures: Was bricht unter realen Bedingungen, das im Labor funktioniert hat?

Der kritische Punkt: Daten allein sind blind. Quantitativ zeigt dir „20% brechen Aufgabe ab“. Qualitativ (Interviews, Beobachtung) zeigt dir warum: kompliziertes Nutzer Interface, fehlendes Feature, technisches Problem.

In der Praxis erleben wir: Teams, die nur Dashboards anstarren, übersehen Kontext. Die besten Entscheidungen entstehen aus der Kombination: Daten zeigen das „Was“, Kundenstimme zeigt das „Warum“.


Typische Stolperfallen und wie du sie vermeidest

Falle 1: „Wir hören Kunden zu“ ≠ Kundenzentrierung

Problem: Feedback sammeln ohne strategische Interpretation. Eine Funktion wird gebaut, weil drei Kunden sie wollten, nicht weil sie das echte Problem löst.

Beispiel: Ein Werkzeugmaschinenhersteller bekommt Anfragen für „schnellere Rüstzeiten“. Sie bauen automatisierte Werkzeugwechsler. Adoptionsrate: 20%. Das eigentliche Problem war: Bediener*innen verstanden die Programmierung nicht. Schnellere Wechsler halfen null bei falscher Programmierung.

Lösung: Jobs-to-be-Done Framework. Frage nicht „Was willst du?“, sondern „Was versuchst du zu erreichen, und warum ist das heute schwer?“ Grabe mit 5 Whys nach dem echten Problem.

Falle 2: Feature-Überfrachtung trotz Kundenzentrierung

Problem: Jede Kundengruppe bekommt ihre Funktion. Das Produkt wird überladen, komplex, unbedienbar.

Beispiel: Ein Nutzfahrzeughersteller entwickelt einen „Universal-Lkw“, robust für Bau, effizient für Logistik, wendig für Kommunen. Resultat: Ein Produkt, das in keiner Kategorie wirklich überzeugt.

Lösung: Rigorose Priorisierung. Definiere deine Core-Audience. Nicht alle Kundengruppen sind gleich wertvoll. Produkte „für alle“ sind für niemanden.

Falle 3: HiPPO-Decision-Making, Der Senior setzt sich durch

Problem: Kundendaten werden von Management-Meinungen überstimmt.

Beispiel: Felddaten zeigen, dass Bediener*innen eine Sicherheitsfunktion deaktivieren, weil sie den Workflow behindert. Statt das als Design-Problem zu sehen, macht Management die Funktion zwingend. Resultat: Kund*innen finden unsichere Workarounds.

Lösung: Transparenz. Wöchentliche „Kundenstimme-Snapshots“, kurze Updates aus Feldbeobachtungen. Leadership kann widersprechen, aber nicht mehr im Vakuum.

Falle 4: Zu viel Build, zu wenig Learn

Problem: Teams investieren weniger als 10% Zeit in Kundenverständnis, 90% in Entwicklung.

Beispiel: Ein Pumpen-Hersteller entwickelt eine „wartungsarme“ Pumpe. Labor-Tests perfekt. Im Feld: 30% höhere Ausfallrate. Warum? Labor simulierte nicht die aggressive Chemie-Umgebung der echten Anwendung.

Lösung: Dual-Track, Discovery und Delivery parallel. 50% Kapazität für Feldbeobachtungen und Validierung, 50% für Entwicklung validierter Lösungen.

Falle 5: Kultur-Widerstand, „Das funktioniert hier nicht“

Problem: Management will Geschwindigkeit. Vertrieb blockiert Kundenzugang. Engineering sieht Discovery als „nicht mein Job.“

Lösung: Bright Spots schaffen. Mache dein Team zur Fallstudie. Zeige messbare Ergebnisse: „Kontinuierliche Anwenderbeobachtung führte zu Redesign, das 2 Minuten pro Arbeitsschritt spart.“ Kultur folgt Success, nicht Argumenten.


Häufig gestellte Fragen zu kundenzentriertem Produktmanagement (FAQ)

Kundenorientierung ist reaktiv, du fragst Kunden, wenn du bereits ein Problem hast. Kundenzentrierung ist strategisch, Kundenbedürfnisse sind der Ausgangspunkt aller Entscheidungen. Noch wichtiger: Kundenorientierung kann bedeuten, nur Kunden zu befragen. Kundenzentrierung bedeutet, echte Probleme zu verstehen und dann Lösungen zu bauen, die tatsächlich funktionieren.

Minimum 20%, realistisch 50–75% für unvalidierte Produkte. Feature-Factory-Teams arbeiten umgekehrt (90% Build, 10% Learn), das ist ein Hauptgrund, warum sie scheitern. Die Ironie: Sie fühlen sich produktiv, bauen aber an Problemen vorbei.

Ja, aber mit professioneller Methodik, nicht Pseudo-Research. Dein Product Trio (PM, Designer, Engineer) führt Discovery gemeinsam durch: strukturierte, neutrale Interviews mit echten Nutzer*innen, dokumentierte Synthese, keine Leading Questions. Lightweight-Methoden sparen Budget, nicht auf Qualität.

Nutze das Jobs-to-be-Done Framework, um das zugrundeliegende Problem zu verstehen, oft gibt es bessere Lösungen. Beispiel: Kunde wünscht „schnellere Rüstzeiten“. Das Problem ist „Produktionspause kostet Geld“. Die bessere Lösung: „bessere Programmieroberfläche“ statt „automatischer Werkzeugwechsel“. Die Kundenlösung war nicht falsch, nur nicht die beste.

Drei konkrete Schritte:

  • Fakten: 80–95% neue Produkte scheitern. Feature-getriebene Launches systematisch.
  • Quick-Win: Ein Sprint kundenzentriert mit Feldbeobachtungen. Miss echte Ergebnisse: Weniger Support-Tickets? Bessere Task-Success-Rates? Schnellere Workflows?
  • ROI: Eine verpfuschte Produktvision kostet 500k+. Also: 10% Discovery-Zeit spart massiv.

Wenn dein Backlog kleiner wird (nicht größer). Wenn Features die Task-Success-Rate erhöhen und Fehler reduzieren (nicht nur „Engagement steigt“). Wenn dein Team selbst zu Kundengesprächen will, weil sie verstehen, warum ihre Arbeit wichtig ist. Wenn die erste Frage im Planning nicht „Welche Features bauen wir?“ sondern „Welches Kundenproblem lösen wir?“ ist.


Weiterführende Ressourcen

  • „Continuous Discovery Habits“ – Teresa Torres (Buch) – Der Goldstandard für wöchentliche Kundeninterviews. Torres zeigt konkrete Habits, wie man Continuous Discovery operationalisiert, unabdingbar für jede*n PM, um echte Kundenzentrierung zu erreichen.
  • „EMPOWERED“ – Marty Cagan (Buch) – Cagans Klassiker über empowered product teams. Zeigt die Charakteristiken echter Produkt Teams und wie Unternehmen wie Amazon und Google ihre Produktkultur gestalten, basierend auf kundenzentriertes Produktmanagement.
  • Pendo Product Benchmarks – Regelmäßige Studien zu Feature-Nutzung und Product-Led Growth. Zeigt, wie erfolgreich kundenzentrierte Unternehmen arbeiten und welche Kennzahlen wirklich zählen. Demonstriert, dass kundenzentriertes Produktmanagement zu messbaren Ergebnissen führt.

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