Warum du ohne Kreativität auf der Roadmap verlierst
Kreativität im Produktmanagement bedeutet, Probleme systematisch aus neuen Blickwinkeln zu betrachten, um bessere, nutzerzentrierte Produktentscheidungen zu treffen. Kreative Techniken sind dabei kein Selbstzweck, sondern Werkzeuge, die dir helfen, aus komplexen Anforderungen klare Optionen und Entscheidungen abzuleiten. In einem Umfeld, in dem Wettbewerber Funktionen in wenigen Monaten kopieren und künstliche Intelligenz einfache Produktideen in Sekunden produziert, wird strukturierte Ideenfindung zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Studien und Erfahrungsberichte aus der Praxis zeigen, dass Unternehmen, die kreative Denk- und Innovationsprozesse bewusst fördern, langfristig höhere Wachstumsraten und schnellere Innovationszyklen erreichen. Gleichzeitig geben viele Produktteams an, dass ihnen im Alltag die Zeit für echte Ideen fehlt, weil operative Meetings, Eskalationen und Ad-hoc-Aufgaben den Kalender bestimmen. Die Erfahrung: Die besten Roadmaps entstehen dort, wo Kreativität genauso bewusst gemanagt wird wie Stakeholder, Technical-Depts oder Budget.
Warum Kreativität im Produktmanagement heute ein Muss ist
Kreativität im Produktmanagement ist die Fähigkeit, Kundenprobleme, Marktveränderungen und technologische Möglichkeiten so zu kombinieren, dass daraus differenzierende und wirtschaftlich sinnvolle Produkte entstehen. Sie ist direkt verknüpft mit Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und der Fähigkeit, sich von bloßer Feature-Gleichheit mit der Konkurrenz zu lösen. Heute wird für viele Produkt-Teams deutlich, dass reine Effizienzoptimierung nicht mehr ausreicht. Gefragt sind mutige, aber fundierte Produktentscheidungen.
Berichte zu Produktmanagement-Trends zeigen, dass kreatives Problemlösen und ein Innovationsmindset zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen gehören, die Entscheider für Produktrollen priorisieren. Gleichzeitig berichten viele Produktmanager*innen, dass Discovery- und Ideationszeiten von operativen Meetings, Feuerlöschen und Stakeholder-Druck aufgefressen werden. Die Folge: Roadmaps, die vor allem verwalten statt gestalten – viel „Now“, wenig „Wow“ oder „How“.
Die Erfahrung aus reifen Produktorganisationen zeigt: Kreativität wird dort nicht dem Zufall überlassen, sondern bewusst eingebettet mit klaren Formaten, Zeitfenstern und kreative Techniken als festen Bestandteil. Erfolgreiche Teams definieren einen kleinen „Ideations-Kern“ aus zwei bis drei bewährten Methoden und setzen diese konsequent ein, statt ständig neue Ansätze auszuprobieren. Die Techniken sind damit kein „Innovationstheater“, sondern ein Werkzeugkasten, mit dem du strukturiert von Problem zu Lösung kommst.
Grundlagen: Was kreative Techniken leisten (und was nicht)
Kreative Techniken sind strukturierte Vorgehensweisen, mit denen du in kurzer Zeit viele unterschiedliche Lösungsideen zu einem Problem erzeugst und anschließend bewerten kannst. Sie übersetzen die abstrakte Forderung „Seid doch mal kreativer“ in konkrete Schritte, Fragen und greifbare Ergebnisse, mit denen dein Team weiterarbeiten kann. Anders als spontane Geistesblitze sind sie bewusst steuerbar und wiederholbar.
Viele kreative Techniken kombinieren zwei Denkphasen:
- Zuerst breit und bewertungsfrei Ideenfindung betreiben.
- Danach fokussiert clustern, priorisieren und verwerfen.
In Produktteams hilft das, Lautstärke und Hierarchie zu entschärfen. Statt dass sich die „lauteste“ Idee durchsetzt, kommen mehr Perspektiven zum Tragen und die tragfähigsten Vorschläge können nach klaren Kriterien ausgewählt werden.
Wichtig ist: Kreative Techniken ersetzen keine Produktstrategie, keine saubere Discovery und keinen Produkt-Market-Fit. Sie verstärken nur das, was an Verständnis und Daten bereits vorhanden ist. Wenn Zielgruppe, Problem und Nutzungskontext unklar sind, produziert auch die beste Methode viele Ideen mit wenig Relevanz. Gute Ideen setzen voraus, dass ihr wisst, wessen Problem ihr löst, in welchem Kontext es auftritt, und welche Rahmenbedingungen gelten.
Kritische Stimmen zum klassischen Brainstorming weisen seit Jahren auf Probleme hin:
Gruppendenken, Dominanz einzelner Stimmen, Production Blocking und oberflächliche Ideensammlungen ohne klare Ergebnisse.
Genau deshalb setzen moderne Produktteams verstärkt auf strukturierte Formate wie Brainwriting, strukturierte Fragenkataloge, zum Beispiel die SCAMPER Methode, sowie visuelle Priorisierungswerkzeuge wie die Ciao-How-Now-Wow-Matrix. Deine Aufgabe als Produktmanager*in ist es, die passenden Formate auszuwählen und sicherzustellen, dass aus Ideen tatsächlich Experimente und Roadmap-Entscheidungen werden.
Die wichtigsten kreativen Techniken für Produktmanager*innen im Überblick
Für Produktmanager*innen lohnt es sich, einen kleinen Methoden-Stack aus wenigen, aber gut beherrschten Techniken aufzubauen. Im Kern bieten sich insbesondere die folgenden an:
- Brainwriting: Alle Teilnehmenden schreiben in kurzer Zeit Ideen auf, die dann anonym weitergereicht und ergänzt werden. So reduzierst du Gruppendruck und Lautstärke-Bias und erhöhst die Qualität der Ideen.
- SCAMPER Methode: Ein systematischer Fragenkatalog, um bestehende Produkte, Funktionen oder Prozesse über verschiedene Veränderungs-Operatoren neu zu denken.
- Ciao-How-Now-Wow-Matrix: Eine einfache Matrix, die Ideen nach Originalität und Umsetzbarkeit in „Now“, „Wow“ und „How“ clustert.
- Mind Mapping: Visuelles Aufspannen des Problemraums, um Zusammenhänge, Abhängigkeiten und neue Pfade zu erkennen, die besonders hilfreich in frühen Discovery-Phasen ist.
- Perspektivwechsel und Rollenmethoden: Bewusster Wechsel der Perspektive, etwa Kunden, Skeptiker, Regulator, CFO, um blinde Flecken aufzudecken.
- Analogie-Techniken: Übertragen von Lösungen aus anderen Branchen oder zufälligen Begriffen, um aus gewohnten Denkmustern auszubrechen.
In der Praxis siehst du in erfolgreichen Produktorganisationen häufig Kombinationen: zum Beispiel Brainwriting zur Ideenfindung, die SCAMPER Methode zur systematischen Weiterentwicklung und die Ciao-How-Now-Wow-Matrix zur Priorisierung der Ergebnisse. Gerade in verteilten oder hybriden Teams unterstützen digitale Whiteboards, Vorlagen und Timer-Funktionen dabei, solche Sessions strukturiert zu moderieren.
Ein komprimierter Überblick:
| Technik | Strukturgrad | Teamgröße (ideal) | Remote-Eignung | Typischer Einsatz im Produktkontext |
| Brainwriting | Mittel | 4–8 | Hoch | Frühe Ideenfindung, besonders bei dominanten Stimmen |
| SCAMPER Methode | Hoch | 3–8 | Hoch | Verbesserung oder Neudenken bestehender Features/Produkte |
| Ciao-How-Now-Wow-Matrix | Mittel | 3–10 | Hoch | Priorisierung nach Ideation, Alignment mit Stakeholdern |
| Mind Mapping | Niedrig | 1–6 | Hoch | Problemraum verstehen, Hypothesen und Abhängigkeiten visualisieren |
| Perspektivwechsel | Mittel | 3–10 | Mittel–hoch | Risiken, Experience, Regulatorik und Business-Perspektiven beleuchten |
| Analogie-Techniken | Niedrig | 1–6 | Mittel | Blockaden lösen, radikal neue Ansätze anstoßen |
Es ist wirkungsvoller, zwei bis drei dieser kreativen Techniken konsequent in deinen Regelprozess zu integrieren, als zehn Methoden einmal auszuprobieren und dann wieder zu vergessen.
Die SCAMPER Methode: Systematisch Produkte und Features neu denken
Was ist die SCAMPER Methode?
Diese Methode ist eine strukturierte Kreativtechnik, mit der du ein bestehendes Produkt, eine Funktion oder einen Prozess systematisch mit verschiedenen Veränderungs-Operatoren hinterfragst, um neue Ideen und Varianten zu erzeugen. SCAMPER steht ursprünglich für mehrere englische Verben, die jeweils einen bestimmten Denkimpuls geben. In der Anwendung geht es darum, gezielt Fragen zu stellen wie:
- Was kann ersetzt werden?
- Was lässt sich kombinieren?
- Was kann angepasst werden?
- Was kann verändert oder erweitert werden?
- Wofür lässt sich das Bestehende noch nutzen?
- Was können wir weglassen?
- Was passiert, wenn wir Reihenfolgen umkehren?
Der Kern der Methode : Alles Neue ist eine Modifikation von etwas, das bereits existiert. Statt „aus dem Nichts“ zu erfinden, betrachtest du bekannte Lösungen aus neuen Blickwinkeln. Das macht diese Methode besonders geeignet für Produktteams, die vorhandene Produkte, Module oder Prozesse verbessern möchten, statt nur völlig neue Ideen im leeren Raum zu suchen.
In der Produktpraxis wird die SCAMPER Methode heute in vielen Kontexten eingesetzt: von physischen Konsumgütern über digitale Dienste bis hin zu internen Prozessen in Service, Support oder Operations. Für Produktmanager*innen ist sie ein sehr effektives Werkzeug, um strukturierte Ideenfindung rund um bestehende Angebote zu betreiben.

Quelle: Katharina Boguslawski, happybusinessmoves – SCAMPER Methode
Schritt-für-Schritt-Anleitung für Produktmanager*innen
Damit die Methode im Produktmanagement wirklich wirkt, braucht es einen klaren Ablauf. Ein bewährtes Vorgehen:
- Problem oder Objekt festlegen
Entscheide, worauf du die Methode anwenden willst: ein konkretes Feature, einen Onboarding-Prozess, ein Preismodell oder einen internen Workflow. Formuliere ein klares Ziel, zum Beispiel „mehr Aktivierung in den ersten sieben Tagen“ oder „weniger Abbrüche im Checkout“. - SCAMPER-Fragen nacheinander anwenden
Gehe mit deinem Team die einzelnen Denkimpulse durch und stellt jeweils viele Fragen. Beispielsweise:- Substitute: Was könntest du austauschen? (Komponenten, Kanäle, Rollen, Technologien)
- Combine: Welche Elemente lassen sich kombinieren, um Mehrwert zu erzeugen?
- Adapt: Was kannst du aus anderen Kontexten anpassen? (z.B. Gamification, Patterns aus anderen Produkten)
- Modify: Welche Eigenschaften (Größe, Umfang, Format, Reihenfolge) kannst du verändern oder verstärken?
- Put to another use: Wo könntest du das Feature/den Prozess noch sinnvoll einsetzen?
- Eliminate: Was kannst du weglassen oder radikal vereinfachen?
- Reverse: Was passiert, wenn du Schritte umdrehst oder Rollen vertauschst?
- Ideen zunächst nicht bewerten
In der Phase der Ideenfindung sammelst du alle Vorschläge, ohne sie sofort zu beurteilen. So verhinderst du, dass interessante Ansätze zu früh aussortiert werden. - Clustern und vorselektieren
Ordnet anschließend ähnliche Ideen, entfernt Doppelungen und sortiert eindeutig unpassende Vorschläge aus. Hier entstehen erste sinnvolle Gruppen. - Bewerten und Priorisieren
Jetzt kannst du die Ergebnisse der Methode zum Beispiel mit der Ciao-How-Now-Wow-Matrix bewerten. So erkennst du, welche Ideen sich schnell umsetzen lassen und welche ein hohes Wow-Potenzial haben, aber mehr Aufwand erfordern.
In vielen Teams reichen 60 bis 90 Minuten für eine fokussierte Session zu einem klar umrissenen Thema. Die Erfahrung zeigt, dass die SCAMPER Methode am besten mit einer überschaubaren Gruppe von drei bis acht Personen funktioniert. Ideal ist ein kleiner, cross-funktionaler Kreis aus Produktmanagement, Entwicklung, Design und ggf. Support oder Vertrieb.
Beispiele aus der Produktpraxis
In einem technischen B2B-Umfeld könntest du die SCAMPER Methode zum Beispiel auf einen bestehenden Service-Vertrag anwenden. Durch „Ersetzen“ kommst du auf alternative Wartungsmodelle, durch „Kombinieren“ auf Bündelangebote mit Schulungen oder Remote-Support, durch „Anders nutzen“ auf neue Zielgruppen. Die Ideenfindung bleibt immer an einem konkreten Ausgangspunkt verankert und liefert trotzdem neue Ansätze.
In einem SaaS-Produkt könnt ihr den Onboarding-Prozess als Objekt wählen. Mit der SCAMPER Methode entdeckt das Team vielleicht, dass bestimmte Schritte ganz wegfallen können, andere kombiniert werden sollten oder eine Umkehr der Reihenfolge sinnvoll ist. Die spannendsten Vorschläge werden anschließend in der Ciao-How-Now-Wow-Matrix eingeordnet, um zu erkennen, welche Ideen kurzfristig als „Now“ umgesetzt werden können und welche als „Wow“-Kandidaten in Experimente überführt werden.
So entsteht ein geschlossener Kreislauf: kreative Techniken wie die SCAMPER Methode sorgen für viele, gut strukturierte Ideen, die Ciao-How-Now-Wow-Matrix hilft bei der Auswahl. Gemeinsam bilden sie eine belastbare Grundlage für deine weiteren Produktentscheidungen.
Die Ciao-How-Now-Wow-Matrix: Von Ideen zur Priorität
Was die Ciao-How-Now-Wow-Matrix leistet
Sie ist eine der kreativen Techniken, mit der du Ideen nach zwei Dimensionen ordnest: Originalität und Umsetzbarkeit. Sie hilft dir, aus einer langen Liste von Vorschlägen schnell zu erkennen, was sich kurzfristig anbietet, wo echte Differenzierung steckt und welche Visionen noch mehr Klärung brauchen.
Typischerweise entstehen vier Kategorien:
- Ciao: wenig originell und kaum umsetzbar – verabschiede dich von der Idee.
- Now: wenig originell, aber leicht umsetzbar – gute Kandidaten für schnelle Verbesserungen.
- Wow: originell und realistisch machbar – deine wichtigsten Innovationshebel.
- How: originell, aber aktuell schwer umsetzbar – Visionen, die noch reifen und erforscht werden müssen.
Die Ciao-How-Now-Wow-Matrix wird meist nach einer Phase intensiver Ideenfindung eingesetzt, zum Beispiel im Anschluss an Brainwriting oder die SCAMPER Methode. So bringst du Struktur in eine große Menge von Ideen und schaffst eine gute Basis für klare Entscheidungen.

So setzt du die Ciao-How-Now-Wow-Matrix in der Praxis ein
Ein einfacher Ablauf für Produktteams:
- Ideenbasis schaffen
Zuerst erzeugt ihr viele Ideen, etwa mit Brainwriting oder der SCAMPER Methode. Alles wird sichtbar gesammelt, zum Beispiel auf Karten oder in einem digitalen Whiteboard. - Kriterien klären
Bevor ihr startet, legt ihr fest, was „leicht umsetzbar“ und was „originell“ im Kontext eures Produkts bedeutet. So wird die Matrix für alle verständlich. - Gemeinsam einordnen
Ihr platziert jede Idee in der Ciao-How-Now-Wow-Matrix und diskutiert bei Bedarf. Unterschiede in der Einschätzung werden sichtbar und führen oft zu wertvollen Klärungen. - Cluster bilden
Am Ende seht ihr, welche Vorschläge im „Ciao“-Bereich eliminiert werden, welche im „Now“-Bereich liegen, welche „Wow“-Potenzial haben und welche als „How“-Ideen zunächst mehr Exploration erfordern.
Mit dieser Vorgehensweise wird die Ciao-How-Now-Wow-Matrix zu einer Brücke zwischen Ideen und konkreter Roadmap. Statt nur eine Liste zu haben, habt ihr ein Bild davon, wie eure Ideen verteilt sind und könnt gezielt auswählen, womit ihr als Nächstes arbeitet.
Von der Matrix zur Umsetzung
Die Ciao-How-Now-Wow-Matrix entfaltet ihren Nutzen erst, wenn ihr klare Konsequenzen ableitet. Ein bewährtes Vorgehen:
- Ciao-Ideen: wirf sie weg und investiere keine Ressourcen.
- How-Ideen: in einen langfristigen Ideen-Pool oder Discovery-Track aufnehmen, um technische, fachliche oder regulatorische Fragen zu klären.
- Now-Ideen: direkt in Backlog oder Experimente übernehmen, um schnelle Verbesserungen zu erzielen.
- Wow-Ideen: gezielte Experimente planen, Prototypen bauen, Nutzerfeedback einholen und Ressourcen einplanen.
Gerade die Kombination aus SAMPER Methode für Variantenbildung und Ciao-How-Now-Wow-Matrix für Priorisierung hat sich in Produktteams bewährt. Erst erzeugt ihr mit einer strukturierten Ideenfindung viele mögliche Richtungen, dann wählt ihr mit einer klaren Technik die besten Kandidaten aus.
Weitere kreative Techniken für Produktteams
Brainwriting statt reinem Brainstorming
Brainwriting ist eine Methode, bei der alle Teilnehmenden zunächst still und schriftlich ihre Vorschläge festhalten. Die Zettel oder digitalen Notizen werden anschließend weitergereicht und ergänzt. So entsteht eine große Vielfalt an Ideen, ohne dass einzelne Stimmen den Ton bestimmen.
Im Unterschied zum klassischen Brainstorming reduziert Brainwriting Gruppendruck und das Risiko, dass ruhigere Personen kaum zu Wort kommen. In vielen Produktteams führt Brainwriting zu mehr umsetzbaren Ideen in kürzerer Zeit. Es lässt sich sehr gut mit der SCAMPER Methode kombinieren, indem ihr zuerst per Brainwriting sammelt und danach strukturiert weiterdenkt.
Mind Mapping, Perspektivwechsel und Analogien
Mind Mapping hilft dir, einen Problemraum visuell aufzuspannen. Du notierst das zentrale Thema in der Mitte, verzweigst in Unterthemen, Nutzerbedürfnisse, Hindernisse und mögliche Lösungsrichtungen. Gerade in frühen Phasen der Ideenfindung im Produktmanagement unterstützt dich ein Mind Map dabei, Zusammenhänge zu erkennen, bevor du in einzelne Features einsteigst.
Perspektivwechsel-Methoden, etwa die Arbeit mit Rollen wie Kunde, Regulator, CFO oder Power User, zwingen dein Team, ein Problem aus verschiedenen Sichtweisen zu betrachten. Das reduziert blinde Flecken und verbessert die Qualität der Ideen. Analogie-Techniken wiederum nutzen Anregungen aus anderen Branchen: „Wie würde ein alternativer Hersteller dieses Problem lösen?“ Solche Fragen lockern feste Denkmuster und eröffnen unerwartete Pfade.
Strukturierte Kreativität mit bewusst gesetzten Grenzen
Kreativität braucht nicht nur Freiheit, sondern auch klare Rahmenbedingungen. Manche kreativen Techniken arbeiten deshalb mit bewusst gesetzten Grenzen, etwa bei Zeit, Budget oder technischen Möglichkeiten. Ein Beispiel ist das „Anti-Problem“: Statt „Wie verbessern wir unser Produkt?“ fragst du „Wie würden wir unser Produkt so schlecht wie möglich machen?“ Aus den gesammelten Antworten leitest du dann konkrete Gegenmaßnahmen ab.
Solche Ansätze lösen Blockaden und führen oft zu überraschend klaren Erkenntnissen. Teams berichten, dass Ideenfindung mit klaren Constraints häufiger zu umsetzbaren Ergebnissen führt als völlig offene Formate. Kreative Techniken werden damit zu Werkzeugen, die innerhalb von Grenzen neue Wege eröffnen.
Kreativität in den Produktentwicklungsprozess integrieren
Wann und wo kreative Techniken wirken
Kreative Techniken entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie an mehreren Stellen im Produktlebenszyklus bewusst eingesetzt werden, nicht nur in einem einmaligen Workshop. In der frühen Problem-Discovery-Phase helfen Brainwriting, Mind Mapping und Perspektivwechsel, Nutzerbedürfnisse und Hypothesen breit zu erfassen. In der Lösungsfindung kommen dann die SCAMPER Methode und die Ciao-How-Now-Wow-Matrix ins Spiel, um Lösungsräume zu strukturieren und zu priorisieren.
Auch in der Delivery-Phase können diese Techniken wertvoll sein, etwa um alternative Umsetzungswege, Rollout-Strategien oder Experimente zu entwickeln. Wenn du Kreativität so in den gesamten Prozess einwebst, wird sie zu einem normalen Bestandteil des Produktmanagements, nicht zu einem seltenen Ereignis.

Rollen im Team
Kreativität ist keine exklusive Aufgabe von Design oder Innovationsteams. In guten Produktteams tragen Produktmanagement, Entwicklung, Design, Data und weitere Stakeholder gemeinsam Verantwortung. Produktmanager*innen schaffen den Rahmen, definieren die Fragestellung und wählen passende kreative Techniken. Entwicklung bringt technisches Verständnis und Möglichkeiten ein, Design sorgt für Nutzerperspektive und Umsetzungsqualität.
Wichtig ist, dass die Moderation von Sessions klar geregelt ist und dass jemand die Ergebnisse dokumentiert und in Backlog, Experimente und Roadmap überführt. Sonst bleiben selbst gute Formate wirkungslos.
Kreativität messbar machen
Kreativität lässt sich nicht in einem einzigen Wert zusammenfassen, aber du kannst sinnvolle Indikatoren definieren. Beispiele:
- Anzahl strukturierter Ideation-Sessions pro Quartal
- Anzahl getesteter Ideen (Experimente) pro Zeitraum
- Anteil von „Wow“-Ideen aus der Ciao-How-Now-Wow-Matrix auf deiner Roadmap
- Zeit von Ideenfindung bis zum ersten Experiment
Solche Kennzahlen helfen dir, diese Techniken ernsthaft in deiner Arbeitsweise zu verankern, ohne Kreativität zu „töten“. Sie machen sichtbar, dass aus Methoden tatsächliche Entscheidungen und Ergebnisse entstehen.
Typische Fehler und Missverständnisse
„Wir sind nicht kreativ“
Ein verbreitetes Missverständnis ist, Kreativität sei eine angeborene Gabe einiger weniger. Die Erfahrung im Produktmanagement zeigt das Gegenteil: Mit kreativen Techniken, Übung und klaren Abläufen werden Teams nachweislich besser darin, Ideen zu entwickeln und auszuwählen. Kreativität ist hier eher Handwerk als Magie.
Ein zweites Missverständnis ist, dass Kreativität und Daten im Widerspruch stehen. In der Praxis ergänzen sie sich: Daten liefern Kontext und Wirkung, kreative Techniken liefern Hypothesen und Lösungsansätze. Gute Produktteams arbeiten mit beidem.
Meeting-Theater statt echter Ideenfindung
Manche Runden mit bunten Klebezetteln und Spiel-Elementen erzeugen zwar das Gefühl von „Kreativ-Workshop“, aber keine klaren Entscheidungen. Typische Anzeichen: keine definierte Frage, keine Auswahl, keine Experimente danach. Dann war es eher Theater als Produktarbeit.
Ein einfacher Test: Kannst du eine Woche nach einer Session klar benennen, welche drei bis fünf Ideen weiterverfolgt werden und welcher nächste Schritt geplant ist? Wenn nicht, war der Rahmen der Ideenfindung zu schwach.
Kreativität in regulierten Umfeldern
In regulierten Branchen wird Kreativität oft als Risiko empfunden. Gerade hier können kreative Techniken helfen, innerhalb klarer Grenzen neue Wege zu finden. Wichtig ist, Compliance- und Qualitätsverantwortliche früh einzubeziehen, sodass Wow- und How-Ideen gemeinsam bewertet und schrittweise erarbeitet werden können.
Praxisbeispiele aus Produktteams
SaaS-Team mit strukturiertem Ideation-Zyklus
Ein SaaS-Produktteam mit stagnierender Aktivierungsrate führte einen wiederholbaren Zyklus ein: monatliche Brainwriting-Sessions zur Ideenfindung, SCAMPER-Workshops für zentrale Features und anschließende Bewertung mit der Ciao-How-Now-Wow-Matrix. Aus jeder Runde wurden konkrete Experimente abgeleitet und mit Kennzahlen verknüpft. Nach mehreren Zyklen zeigte sich, dass mehr Wow-Ideen auf der Roadmap landeten und die Experimentanzahl pro Quartal deutlich anstieg.
Produktteam in regulierter Branche
Ein Produktteam in einem regulierten Umfeld nutzte die Ciao-How-Now-Wow-Matrix, um Ideen für neue Funktionen und Services zu sortieren. Now-Ideen dienten der schrittweisen Verbesserung, Wow-Ideen wurden mit klaren Validierungs- und Zulassungspfaden hinterlegt, How-Ideen in einen langfristigen Innovations-Pool überführt. Durch diese sichtbare Struktur wurde Kreativität nicht länger als Bedrohung, sondern als geplanter Teil der Produktstrategie wahrgenommen.
Fazit
Kreative Techniken sind kein nettes Beiwerk, sondern ein strategischer Hebel, um in komplexen Märkten bessere Produktentscheidungen zu treffen. Sie helfen dir, Kundenprobleme, Technologieoptionen und Business-Ziele so zu verbinden, dass daraus wirklich differenzierende Lösungen entstehen, statt weiterer „Me-too“-Features.
Du brauchst keine zehn Methoden, sondern einen schlanken Werkzeugkasten, den dein Team beherrscht. Mit Brainwriting schaffst du eine breite, faire Ideenfindung, bei der nicht nur die lautesten Stimmen gehört werden. Die SCAMPER Methode zwingt euch anschließend, bestehende Produkte, Prozesse oder Preislogiken systematisch zu hinterfragen und in Varianten zu denken. Die Ciao-How-Now-Wow-Matrix macht aus dieser Ideenflut konkrete Entscheidungen, indem sie Originalität und Umsetzbarkeit sichtbar gegenüberstellt.
Entscheidend ist, dass diese kreativen Techniken fest in deinem Produktprozess verankert sind, mit klaren Timeboxes, Rollen und Anschluss-Schritten. Jede Session sollte in wenigen, klar gewählten Ideen enden, die in Experimente, Backlog-Items oder Discovery-Tracks überführt werden. So wird Ideenfindung vom Zufallsprodukt einzelner Workshops zu einem wiederholbaren, messbaren Bestandteil deines Produktmanagements.
Häufige Fragen zum Thema kreativen Techniken im Produktmanagement (FAQ)
Brainwriting ist ein einfacher Startpunkt, weil er stillen Personen Raum gibt und sich leicht moderieren lässt. In Kombination mit der Ciao-How-Now-Wow-Matrix erhältst du schnell einen kompletten Ideation-Zyklus.
Viele Teams planen mindestens eine strukturierte Ideenfindung-Session pro Monat, oft rund um wichtige Release- oder OKR-Zeitpunkte.
Nutze die SCAMPER Methode, um Varianten zu einem klar definierten Objekt zu erzeugen, und die Ciao-How-Now-wow-Matrix, um diese Ideen nach Originalität und Umsetzbarkeit zu sortieren und deine nächsten Schritte abzuleiten.
Ja. Digitale Whiteboards und Kollaborationstools eignen sich sehr gut, um Brainwriting, SCAMPER Methode und Ciao-How-Now-Wow-Matrix auch in verteilten Teams einzusetzen.
Plane am Ende jeder Session konkrete Entscheidungen: Welche Ideen kommen in den Backlog, welche in den Experiment-Plan und welche in einen längerfristigen Pool. Ohne diesen Schritt bleiben kreative Techniken folgenlos.
Weiterführende Ressourcen
- Dein kreativer Avatar. Wie du innovative Ideen generierst und andere von ihnen überzeugst – Katharina Boguslawski (Buch) – Praxisnaher Leitfaden, der mit dem Bild des „kreativen Avatars“ zeigt, wie du deine persönliche Kreativrolle entwickelst und mit einfachen Übungen regelmäßig neue Ideen erzeugst.
- MISSION INVENTION: Workshops und Coaching für Startups –
Website der Trainerin und Coachin Katharina Boguslawski, Schwerpunkt auf Pitch- und Innovationscoaching für technologiegetriebene Gründungsteams.